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Das Kind schläft. Schon bei der zweiten Geschichte fielen ihm die Augen zu. Ich liege neben ihm in seinem Bett und schaue ihn noch ein wenig an. Habe die alten Gedanken dabei. Mutterliebe, Vergänglichkeit, Angst. Um halb neun heute früh saß ich in St. Michael, zum letzten Mal für eine lange Zeit. Keine Kirche habe ich, obwohl konfessionslos, so oft besucht wie diese. Keinem Gottesmann habe ich so oft zugehört wie Kaplan K., der in seiner Predigt noch häufiger als früher den Faden verliert und dabei den typischen Dialekt dieser Gegend spricht, der sich bei genauem Hinhören deutlich vom Kölsch oder Bönnsch unterscheidet und der mir nur in dieser Stadt wie von selbst von den Lippen kommt. Die Liturgie der Messe ist mir fremd geworden, aber die Worte fallen mir doch noch irgendwie aus dem Mund. Viele, viele Male war ich mit meinen Großeltern hier. Ich betrachte die vertrauten Säulen, die die Apsis begrenzen, mit ihren schlichten Verzierungen, die weit oberhalb des Altars am höchsten Punkt zusammen treffen. Das habe ich als Kind auch immer getan. Die Worte des Kaplans gehen durch mich durch. Insgeheim hatte ich gehofft, sie würden mehr auf mich wirken, mich überzeugen. Aber darum geht es wohl beim Glauben nicht. Ich spüre die Kirchenbank leicht zittern, meine Mutter weint Bäche, die Tränen laufen neben ihren Brillengläsern herunter. Meine Schwester sitzt neben ihr und tut ihr Bestes, sie aufzufangen. Der einzige Anblick, der mir heute wirklich das Wasser in die Augen treibt, ist der meines muslimischen Vaters, der, nachdem er in der Messe zwei Reihen hinter uns saß, beim Hinausgehen seinen Arm um meine Mutter legt und sie stützt. Was zwangsläufig etwas seltsam aussieht, weil er nur knapp genauso groß ist wie sie. Es ist kaum in Worte zu fassen, dieser Anblick. Jahrelanger Streit, Kränkungen, Hass, verletzter Stolz, interkulturelle Gräben, die auch bei uns sehr tief waren, alles weggewischt durch diese Geste. Der Pfaffe mag mich nicht erreicht haben, aber der Arm meines Vaters, der erst mit dem Alter wirklich gläubig wurde, um die Schultern meiner Mutter, der rührt mich tiefer als alles, was ich seit langem gesehen habe. Von hier an kann ich mich aufrichten, ich habe keine Angst mehr, die Fassung zu verlieren. Ich fürchte mich nicht mehr vor dem Anblick des Sarges und der Kränze, nicht mehr vor der Grablegung und den Blicken der Familie, während ich mein Sträußchen in ein Loch werfe. Ich weiß: hier ist sie nicht. Hier sind nur ein paar Zellen in einem Holzkasten, auf den ein Deckel aus Marmor kommt. Die Kränze werden verwelken, die Gebeine verfaulen. Es ist eine Binse, aber ich sehe es deutlich: Die Liebe wird bleiben. Der Arm meines Vaters um meine Mutter, der Anblick meines schlafenden Kindes.
10.4.17 21:26
 


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