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Der Geruch. Oben, in den Schlafzimmern, der nach frisch gewaschener weißer Bettwäsche vor der grün gemusterten Tapete. Dicke Federbetten, die nur dort "Plumeaus" hießen. Schwer lagen sie auf meinem Kinderkörper, warm und kühl zugleich. Eine Höhle nur für mich. Dort hinein nahm ich oft meine beiden Lieblingsbücher: das große Wilhelm-Busch-Buch oder (meinen absoluten Liebling) das große Heinz-Erhardt-Buch. Das Gedicht vom Lama kann ich bis heute auswendig. Das Abendgebet, das nie ein klassisches Gebet war, sondern der Text eines Liedes aus "Hänsel und Gretel". Im Erdgeschoss der Duft von selbstgemachter Hühnersuppe. Wenn meine Großmutter dann, nach mehreren Stunden sanften Simmerns, das Huhn auf ein schweres Holzbrett hob, wo das Fleisch nahezu von selbst von den Knochen fiel, dann rief sie mich immer aus dem Wohnzimmer zu sich. Da stand sie, in ihrer geblümten Kittelschürze, aus der ihre fülligen, glatten, kühlen Arme herauswuchsen, links die Narbe von der Pockenimpfung, eine Gabel in der einen und ein scharfes Messer in der anderen Hand. Sie pflückte das Fleisch auseinander und steckte mir dabei immer wieder ein Stück in den Mund. Dabei zwinkerte Sie mir mit einem Auge zu und schürzte leicht ihre Lippen, als wolle sie sagen: "Gut, nicht wahr?" Heiß war es. Lecker. Pures Glück. Kulinarisch war sie mein absolutes Vorbild. Ich verdanke ihr meine Vorlieben für Himmel un Äd, Kartoffeln in jeder Zubereitungsart, Sahnehering, Siedewürstchen, Käse, Sauce Hollandaise, und Vorsuppen mit Fettäugelchen. Nur wegen ihr verbinde ich eine selbst gekochte Hühner- oder Rindfleischsuppe mit Heimeligkeit. Und noch heute, wenn mir mein Platz in der Welt abhanden gekommen scheint, stelle ich mich an den Herd und werfe eine Poularde in einen Topf. Nach ein paar Stunden rieche ich die wohligen Samstagabende meiner Kindheit, an denen sie die Vorsuppe für den Sonntag kochte, während ich mit Opa die Hitparade oder das Traumschiff oder einen Heimatfilm guckte. Oder stundenlang Brettspiele spielte. Der Keller roch am Interessantesten. Ganz hinten, bei der Waschmaschine, duftete es natürlich frisch und luftig, nach Waschmittel. Aber im Raum davor, links, in Opas Werkstatt, da roch man Holz, etwas Feuchte, ein ganz klein wenig muffig, ohne unangenehm zu sein. Dort war die Ordnung, Hängeschränke voller Sägen, Hobel, Ahlen, Schrauben, Hämmern. Eine riesige Werkbank mit mächtiger Zwinge. Im Vorratsraum, rechts, da roch es nach Kartoffeln, nach Eingemachtem, ganz versteckt ein huschiges Erdbeermarmeladenaroma, nach kühlen, glatt verputzten Wänden. Und in der Mitte, im Kellerflur, verschmolz alles miteinander zu einem seligmachenden Gemisch voller Behaglichkeit und Sauberkeit. Aah, wie ich es liebte, von Oma in den Keller geschickt zu werden. Die viel zu enge Treppe hinunter, meine Fingerspitzen berührten die grauen, kühlen, glatt verputzten Wände des Treppenhauses. Glatt und hochglänzend auch die Türen des Küchenkabinettes, welches in seiner Mitte eine Eieruhr trug. Man konnte an einem geriffelten Rad die Minuten einstellen. Wenn sie abgelaufen war, machte es ein analoges, rappelndes und schepperndes Geräusch, an das ich mich bis heute erinnere. Man konnte sich auch zum Herren über die Zeit machen und das tickende Rad gegen den Uhrzeigersinn zwingen, so dass fünf eingestellte Minuten nach schon einer vergangen waren. Rrrrrrrrrrr, rappelte es. Der Zeitgott grinste mit kribbelnder Hand.Gänseblümchen. Jeden Tag ein Sträußchen. Für Oma, für Mama. Matschsuppe, stundenlang gerührt, bis sie ein glatter, sämiger Brei war, der sich äußerlich nicht von der kalt gerührten Paradiescreme unterschied, die es immer als Nachtisch gab. Zwischen den Johannisbeersträuchern im Nutzgarten umhergehen, hier und da eine Beere pflücken. Sauer, pelzig auf der Zunge. Mit der Hand die grüne Stange umfassen, an der die Wäscheleine befestigt war, absplitternder, blasiger Lack unter der Händfläche. Seine Füße nah neben die Stange stellen, den Arm strecken, sich nach vorne beugen und sich so stundenlang um die Stange herum drehen, kleinschrittig. Das Geräusch des Metalles, das gegen meine Handfläche rieb. Tante Barbara, die ihren Hund rief, mit ihrer immer leicht knätschigen Stimme: "Aaandii". Und der kleine graue Pudel, der darauf hörte. Canasta, stundenlang. Tagelang. Wir hatten nie genug. Manchmal erzählte sie dabei Geschichten von früher. Wie sie als Kinder bei Fliegeralarm in den Wald mussten. Ich hatte Angst vor dem Wald und mir graust heute noch bei der Vorstellung. Wie sie mal auf Kinderlandverschickung war und die rauchenden Schlote eines KZs aus der Ferne sah und keine Ahnung hatte. Wie ihre Mutter sie an einem Abend mal aufs Feld mitnahm, wo sie eine Frau trafen, die wusste, dass man sie am nächsten Tag deportieren würde. Einen Handwagen feiner weißer Tisch- und Bettwäsche gab sie meiner Urgroßmutter. Am nächsten Tag räumte man das Judenviertel. Wie ein Granatensplitter mal ihr Kopfkissen zerfetzte, als sie in der Nacht aufgestanden war, um aufs Klo zu gehen. Wie am Waldrand mal ein Jugendlicher von Gleichaltrigen erschlagen wurde. Wie die Familie ihrer Mutter fast vollständig bei einem Fliegerangriff getötet wurde. Und wie ihre Mutter dann ihr eigenes Bett zerlegte und die Bretter viele Kilometer weit mit dem Handwagen zog, damit man Särge zimmern konnte. Wie der Schlachter kam und das Hausschwein schlachtete. Und wie dabei nichts verschwendet wurde. Wie ihr kleiner Bruder den englischen Besatzern, denen meine Urgroßmutter die Wäsche wusch, die Hemdsärmel zunähte. Und wie diese darüber lachen konnten. Viele Jahre später sollte ihr kleiner Bruder sterben, der Lebemann, der mich vom Wagen der Hennefer Sportfreunde beim Karneval immer armeweise mit Kamelle beregnen ließ. Und als es den Leichenschmaus gab, im Sieg-rheinischen Hof, da blickte ich ungläubig auf die Männer am Nachbartisch, die sich auf englisch unterhielten. Wie sie meinen Großvater kennenlernte, den es als Vertriebenen auf der Suche nach seiner Mutter von Schlesien ins Rheinland verschlug. Wie er sein einziges Paar Hosen immer unter seine Matratze legte, um sie zu glätten. Und während sie das erzählte, setzte sie sich auf den vordersten Rand der Sitzfläche ihres Stuhles, blickte, um sich zu erinnern, aus dem Küchenfenster hinter mir, sortierte dann die Karten auf ihrer Hand, auf die sie herabblickte, als müsste sie dabei über ihre Brille gucken. Obwohl sie keine Nickelbrille trug. Sie erzählte die Geschichten, als hätte sie es schon oft getan, musste nie nach passenden Worten suchen. Manchmal hob sie dabei ihre Augenbrauen, um bestimmten Sätzen mehr Nachdruck zu verleihen. Sie brachte mir das Sticken bei, das Häkeln, das Knüpfen und schließlich das Stricken. Mit unendlicher Geduld. Als Rechtshänder einem Linkshänder. Löchrig meine ersten Ergebnisse, groß der Stolz bei der Oma.Wenn es, wie es mir manchmal so vorkommt, Charaktere gibt, die sich über Generationen hinweg in einer Familie wiederholen, so bin ich wohl die jüngere Ausgabe meiner Großmutter, Seraphine Raupach, geborene Limbach, die als älteste von vier Geschwistern sie alle überlebte. Meine liebe Oma, ich danke dir, dass du mir ein Zuhause gabst, als der Ort wo ich wohnte keines mehr war. Ich danke dir für Schweinefleisch, die Süßigkeiten und für jeden Schlag Kartoffelpüree, der auf meinem Teller landete, obwohl ich schon satt war. Und für das Bratenfett obendrauf. Ich danke dir für die Handarbeiten und die Geschichten. Für die moralische Instanz, die du mir warst. Für die Sonntagsmessen und die Hühnersuppen, das Maoam und die schweren Bettdecken. Für das viel zu heiße Badewasser, über das ich fluchte. Für Hans Rosental und Peter Alexander. Für gebratene Blutwurst, von der mein Vater nichts wissen durfte. Dafür, dass ich heute noch gerne Stunden und Tage mit zwei bis fünf Holznadeln und einem Wollfaden in den Händen verbringe. Dafür, dass ich weiß was ein Plattstich ist. Für Sissi und die Immenhof-Filme. Für das an der Haustüre Stehen und mir Nachwinken, bis das Auto hinter der Kuppe der Kolpingstrasse verschwand.
7.4.17 21:25
 


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