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Heute spiele ich das beliebte Prämed-Spiel: erkenne deinen Patienten nur am Aussehen und seinen Diagnosen. Die Regeln sind wie folgt: der Wartebereich ist gut gefüllt. Man greife sich die Akte des Patienten, der als nächstes zu sehen ist, studiere sie gründlich, gehe dann anschließend in die Wartezone und schaue dir die Patienten dort gut an: welcher ist wohl der mit dem schweren Herzfehler und den multiplen Vordiagnosen? Ok, leicht zu erkennen: der Herr dort im Rollstuhl mit den dicken Beinen und dem Urinbeutel (Lasixtherapie) auf dem Bauch. Die dialysepflichtige ältere Dame lässt sich mit etwas Übung am ungesunden Teint erkennen. Menschen zum Kniegelenksersatz sind fast immer übergewichtig. Schubladendenken in Reinform. Manchmal hilft einem der Blick auch, bevor man in die Akte gesehen hat. So fiel es mir heute morgen nicht schwer, an meiner Patientin ein Turner-Syndrom zu erkennen, bevor ich in die Akte gesehen hatte. Meine letzte Patientin heute war Frau K., eine Dame Ende sechzig. Sie stellte sich vor zur Arthroskopie der Schulter. Der Blick auf sie verriet: Perücke plus gezeichnete Augenbrauen, ergo Krebs. Flache Brust, Kompressionsschlauch am Arm: Brustkrebs linke Seite. Schlussfolgerung: keine Braunüle am betroffenen Arm. Frau K. zieht ihre Daunenjacke während des Gespräches nicht aus und kratzt sich immer wieder nervös an der linken rückseitigen Mittelhand. Sie vermeidet längere Blickkontakte und spricht in einem Dialekt, den ich abwechselnd als süddeutsch oder osteuropäisch einstufe, ohne zu einer Entscheidung zu kommen. Ihre Brillengläser sind seltsam fünfeckig und randlos, die Brille selbst sitzt irgendwie asymmetrisch in ihrem Gesicht. Sie trägt eine dicke Lage Make-up, obwohl sie nicht daherkommt wie der Typ Frau, der außerordentlichen Wert auf sein Aussehen legt, allerhöchstens auf ein besonderes Maß an Normalität im Erscheinungsbild. Nicht auffallen trotz Krebs. Es ist ein kurzes Gespräch, ich habe keine Lust mehr, schätzungsweise 15 Leuten habe ich heute schon so ziemlich Dasselbe erzählt. Am Ende fragt mich Frau K. ob sie denn noch ihren Termin bei den Onkologen wahrnehmen könne, sie könne den so schlecht verschieben, es sei noch so viel anderes zu tun. Sie stockt, kratzt ihren Handrücken und blickt auf ihren Schoß. Mir wird klar: es ist nicht nur der Krebs, der sie belastet. Ich frage vorsichtig nach, sie zieht ihre Schultern hoch und lässt sie sie wieder fallen, ein kurzer, ratloser Blick zur Seite, als wolle sie alles mit ein paar kurzen Worten wegwischen. Es gelingt ihr nicht und die folgenden zehn Minuten verbringt sie damit, mir zögernd, aber beherrscht zu erzählen, wie letzte Woche ihr Mann nach langer Krankheit verstarb, seine Beerdigung sei diesen Freitag. Ich folge ihrer Schilderung seiner Krankengeschichte, höre von Eiter in der Wirbelsäule, Intensivstation, Lungenentzündung, mehreren Operationen, Entlassung nach Hause, dann plötzlicher Zustandsverschlechterung und Tod auf Normalstation. "Und", frage ich zögernd, "woran ist er jetzt gestorben?""Das weiss ich nicht, das hat mir keiner der Ärzte gesagt."Das weiß ich nicht. Es hallt in meinem Kopf nach. Man verbringt sein Leben miteinander, einer stirbt und der andere weiß nicht warum. Nenne ich es Gleichmut, Schicksalsergebenheit, Desinteresse oder Weisheit, das einfach so hinzunehmen? Keine weiteren Erklärungen zu fordern? Ich merke, ich funktioniere da anders. Was ich nicht erklären kann, das verstehe ich auch nicht. Was ich nicht verstehe, kann ich nicht ruhen lassen. Es ist Zeit, ich muss los. Ich biete Frau K. einen Arm an, geleite sie in die Wartehalle und erkläre ihr kurz dem Weg zurück in die orthopädische Ambulanz. Zum Abschied nehme ich sie in den Arm, frage mich währenddessen noch, ob das vielleicht unangebracht sei und merke dann, wie Sie mir einen Kuss auf die rechte Wange drückt, bevor sie geht.
22.2.17 11:01
 


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