Startseite
  Über...
  Abonnieren
 


 

http://myblog.de/gruschenka

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Frau A. sitzt mir gegenüber, im nüchtern eingerichteten Arztzimmer eines gynäkologischen Oberarztes, kerzengerade aufgerichtet, eine hübsche dreißigjährige Frau mit streng zurückgekämmtem Pferdeschwanz. Neben ihr, in seinem Stuhl versunken, winzig wirkend und mit wässrigen Augen, ihr Ehemann und Vater ihres zweijährigen Kindes. Frau A. hat Brustkrebs. In den Papieren lese ich vom Befall eines Lymphknotens und einer geplanten Chemotherapie vor Operation. Meine Aufgabe dabei: ich muss sie über die Narkose am Montag aufklären, denn Frau A. ist schwanger im dritten Monat. Sie kann das Kind wegen der Chemotherapie nicht behalten, man wird die Schwangerschaft abbrechen. Im Fachjargon nennt man es "Interruptio", und in meinem Kopf laufe ich gegen eine Wand, weil mein Sprachverständnis diesen Begriff unwillkürlich mit der Übersetzung "Unterbrechung" belegt, so als könnte man die Schwangerschaft pausieren, um sie zu einem späteren Zeitpunkt fortzuführen. Was freilich nicht der Fall ist. Sie wird ein Medikament erhalten, das den Foetus abtötet, und danach wird man die Frucht in Narkose aus ihrer Gebärmutter schaben. Und Gewebe aus ihrem Eierstock entnehmen, um die Eizellen dann einzufrieren, da die Chemotherapie die Patientin unfruchtbar machen könnte. Für den Fall eines späteren Kinderwunsches hätte man damit zumindest ein paar Eizellen gerettet, die man künstlich befruchten könnte. Schöne Scheisse. Ich erfrage die üblichen Eckdaten: Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien usw., bevor ich mich an die Risikoaufklärung für die Narkose mache. Es macht keinen Spaß, Menschen in solchen Ausnahmesituationen auch noch Angst zu machen. Zumal mir, sonst um kein aufmunterndes Wort verlegen, hier nichts mehr einfällt, um ihr Mut zu machen. Ich merke, dass sie meine Aufklärung als weitere Pflichtübung neben so vielen ansieht, die sie im Moment belagern. Mit betont wachen, großen Augen, die selten blinzeln ohne durch mich hindurch zu sehen, folgt sie meinen Ausführungen und lässt fast in jedem meiner Sätze, so weit vor dessen Ende, dass sie unmöglich wissen kann, worauf ich hinaus will, ein verstehendes, betont verständiges "m-hm" fallen. Ihr Mann sitzt wortlos daneben, ein Häuflein Elend. Als ich fertig bin, verlasse ich den Raum betont langsam, weil ich das arge Bedürfnis habe, wegzurennen.
28.1.17 06:45
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung