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Gut. Ich habe schon so einige Patienten während Eingriffen betreut, die, naja, eher ungewöhnlich waren. Sei es nun ein Teelichthalter im Arsch, die Amputation von gesunden Brüsten im Rahmen einer geschlechtsangleichenden Behandlung oder kosmetische Eingriffe an den kleinen Schamlippen.Aber das heute war ungewöhnlich und sehr traurig zugleich. Frau T. ist 25, eine bildhübsche Frau und zum ersten Mal schwanger. Direkt mit Zwillingen. Sie befindet sich in der 23. Schwangerschaftswoche und ist von weither gekommen, um sich hier behandeln zu lassen. Ihre Kinder teilen sich eine Placenta, allerdings bekommen nicht beide gleich viel Blut darüber. Ein Kind entwickelt sich gut, das andere ist zu klein. Es gibt verschiedene Behandlungsmethoden mit verschiedenen Risiken für die Kinder. In diesem Falle hätte man sich dazu entschlossen, die Nabelschnur des schwächeren Kindes intrauterin zu durchtrennen, mittels eines kurzen Eingriffes durch die Bauchdecke. Um möglichst wenig Medikamente in die Blutbahn der Mutter und damit der Kinder einzuschleusen, wird dies in örtlicher Betäubung durchgeführt. Die Mutter ist hierbei also wach. Jetzt kann der geneigte Leser kurz innehalten und nachdenken. Gegen 11:00 stehe ich also im OP, vor mir die junge Frau, die ein leichtes Schmerzmittel über die Vene bekommt, der Bauch ist abgedeckt, ein paar Studenten lehnen sich mit verschränkten Armen und mäßigem Interesse an der Wand an, die Operateurin setzt den Ultraschallkopf auf den Unterbauch der Frau. Man sieht zwei Kinder. Was zu erwarten war. Köpfe, Beine, Füße, zwei Wirbelsäulen, zwei schlagende Herzen, vier winkende Hände, hier ein Näschen, dort ein Hirnventrikel, zwei Nabelschnüre. Und genau hier fange ich langsam an, mich unwohl zu fühlen. Nach örtlicher Betäubung und Stichinzision wird eine Elektroklemme mit Kamera in die Fruchthöhle eingebracht. Ich halte die Luft an. Mein Blick fällt auf die Patientin, die aufgrund der Medikamente sanft schlummert. Unterbewusst wünsche ich mir plötzlich, sie würde aufwachen, ihre Meinung ändern, um sich treten und alle verjagen. Aber sie schläft. Die Kamera zeigt zum Glück nicht viel, man erhascht einen kurzen Blick auf etwas behaarte Haut und einen Arm, da kommt auch schon die Nabelschnur ins Bild. Die Operateurin platziert die Elektroklemme und betätigt den Fußtritt. Ein Piepsen zeigt an, dass das Gerät funktioniert. Im Ultraschall zeigt sich um die Klemme ein strahlendichtes Artefakt, direkt vor dem Bauch des Kindes. Ich kann nichts machen, mir läuft das Wasser aus den Augen. "Magst du vielleicht kurz nen Kaffee trinken?"Ich erschrecke mich tierisch, meine Oberärztin hat den Saal vom rückwärtigen Ende aus betreten. Ich nehme zwei Stufen auf einmal zum Raucherbalkon. Der Regen schlägt spritzend auf dem Geländer auf. Leere. Fünf Minuten später betrete ich wieder den Saal, noch früh genug, um im Ultraschall zu sehen, wie ein sehr kleines Herz sehr langsam wird.
13.12.16 18:00
 


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