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Folgender Dialog zwischen mir und dem Stationsarzt der geschlossenen gerontopsychiatrischen Abteilung:Er: "Ja, wir hätten hier die Frau M. zu verlegen auf die Intensivstation des W-Krankenhauses. Die Dame hat vermutlich eine Aspirationspneumonie, Sättigung bei Raumluft nur 70%, womöglich muss sie vor Verlegung intubiert werden."Ich: "Ok...wie alt ist die Kundin denn?"Er: "Die ist 92."Ich: "Und wie ist die Sättigung unter Sauerstoffgabe?"Zögern am Ende der Leitung, dann"Jaa, gute Idee, das machen wir jetzt gleich."Merke: es ist nie gut, wenn die Psychiatrie anruft und Patienten verlegen will. Niemals. Die psychiatrische Tätigkeit ist so himmelweit von der der allermeisten anderen Ärzte entfernt, dass den dort tätigen Kollegen einfache Tätigkeiten, wie das Anlegen eines Venenzugangs, das Schreiben eines EKGs, das Anfertigen einer Blutgasanalyse oder das Legen eines Blasenkatheters so fremd geworden ist, als hätten sie noch nie etwas davon gehört. Man tut besser daran (das tut mir jetzt ehrlich leid, liebe Kollegen), sie aus der Definition "Arzt, wie man ihn kennt" einfach auszuschließen und davon auszugehen, dass ihre Patienten im Ernstfall somatisch schlechter versorgt seien als die Bewohner eines Seniorenheims. Nun gut, ich packte meine Siebensachen und machte mich auf den Weg in die Klapse. Vor der Station angekommen, drückte ich auf den Klingelknopf (geschützte Station, man erinnert sich), ein langhaariger Pfleger öffnete mir die Tür. "Immer dem Geräusch nach", brummelte der Zausel vor sich hin. "Immer dem Geräusch nach" ist keiner der Sätze, die man hören will, glaubt es mir. Und dabei ist es VÖLLIG EGAL, um welches Geräusch es sich handelt. Das Geräusch, ich kann es kaum beschreiben, da es unsere 26 Buchstaben nicht lautgerecht herzugeben imstande sind. Ungefähr so, als würde man mit schlimmer Verstopfung auf dem Klo sitzen und unter Aufbietung aller zur Verfügung stehenden körperlichen Kräfte und gleichzeitigem Verlust jeden Schamgefühls bei maximal gefüllter Lunge und minimal geöffneter Stimmritze ein gepresstes "Aaaaaa" von sich geben. Aber erstaunlich laut. So in etwa. Naja, wo ein Aaaaa ist, da ist auch Leben. Im Bett liegend traf ich die alte Dame an. Auf den ersten Blick gute Atemmechanik, keine Zeichen der Erschöpfung. Brodelte ein bisschen über den Lungen. Aus der Sauerstoffkerze kamen sechs Liter die Minute, die Nasenbrille war verkehrtherum aufgesetzt, so dass das gute Gas sich im Raum verteilte und in allerhöchstens homöopathischen Dosen in den Atemweg der Patientin gelangen konnte. Sauerstoffsättigung hierunter: 93%. Ok, also von der Intubation war die Dame schonmal weit entfernt, aber ihr Fieber rechtfertigte die Verlegung in ein "anders" ausgerichtetes Krankenhaus. "Und warum muss sie auf die Intensivstation?" fragte ich provokant."Weil sie ein Psych-KG hat", so die Antwort des Stationsarztes. Psych-KG, nur zur Information, bezeichnet die richterlich angeordnete Unterbringung eines Patienten auf einer geschlossenen Psychiatrischen Station bei akut vorliegender Eigen- oder Fremdgefährdung. Zweifelnd blickte ich auf die Patientin. Kampflustig sah die nicht gerade aus. Eigentlich sogar freundlich zugewandt, sie kam Aufforderungen nach und war etwas schwerhörig. Ich studierte den Arztbrief und wurde überrascht. Grund für die geschlossene Unterbringung war die Verweigerung der Nahrungsaufnahme im Seniorenheim. Das wurde als Eigengefährdung interpretiert und führte zu ihrer Einweisung. Da musste ich dann doch schlucken. Man stelle sich vor: man ist alt, lebt im Altenheim, leidet womöglich unter chronischen Schmerzen, hat keine Familie, die einen besucht. Man kommt nicht mehr nach draußen, alle Entscheidungen werden einem abgenommen und irgendwann hat man dann keine Lust mehr. Nach 92 Jahren darf es doch auch mal gut sein, oder? Und welches ist die einzige Möglichkeit, die man dann noch hat, wenn man nicht mehr leben will? Richtig, man stellt das Essen ein. Völlig logisch. Arme Frau M. Und ich darf sie jetzt auf eine Intensivstation bringen, wieder völlig neue Umgebung, dazu noch laute Geräusche, auch in der Nacht. Ich fühl mich kacke. Ehrlich.
6.12.16 19:03
 


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