Startseite
  Über...
  Abonnieren
 


 

http://myblog.de/gruschenka

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Ich stelle fest: die Löcher im Teesieb sind zu groß. Mit einem kleinen Löffel fische ich einzelne Teeblätter aus der Tasse, sobald der Earl Grey darin zur Ruhe gekommen ist. Ich mache das ein paar Minuten lang, damit ich meine Mutter nicht ansehen muss. "Wirklich", sagt sie, "ich hätte ihr das nie zugetraut, dass sie alleine so weit weg fliegt und dann zurecht kommt."Einziges Thema. Die kleine Schwester, das Sorgenkind. Kambodscha. "Naja," antworte ich, "sie ist ja auch nicht allein." "Ja aber...", ich höre schon nicht mehr hin. Drei Wochen sind vergangen, seitdem meine Mutter während eines Streitgespräches einen Satz fallen ließ, der mich tief verletzte, weil er erstens unwahr war und es ihr zweitens unter keinen Umständen zu sagen zugestanden hätte. Sie hat einen unfehlbaren Muttersensor, der schon beim ersten Wort aus dem Munde ihres Kindes Alarm schlägt, sobald etwas nicht stimmt. Aber sie fragt mich nicht. Entweder der Alarm ist defekt (was ich nicht glaube) oder sie ignoriert ihn, weil sie immernoch glaubt, recht gehandelt zu haben. Oder (abwegig) weil sie sich des Gesagten schämt und es nicht ansprechen mag.Drei Wochen, in denen ich sie nicht anrief. Scherzhaft hatte ich mir gesagt: mal sehen, wann ihr auffällt, dass jemand fehlt. Es ist nicht immer leicht, das gute Kind zu sein. Nein, in ihren Augen darf ich nicht klagen, weil ich doch alles erreicht habe. Es läuft rund bei mir. Alles andere ist gar nicht möglich. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Wie es den Kindern geht, fragt sie mich. Gut, antworte ich knapp und verkneife mir den Nachsatz ("Kommt sie doch mal besuchen"). Nie haben sie bisher viel Zeit mit ihren Enkeln verbracht. Meine Schwiegereltern kümmern sich einen Nachmittag pro Woche um sie, schon seit Jahren. Später, während mein Vater mir ein Provisorium in einen Backenzahn klöppelt, verabschiedet sie sich rockschwingend und ziemlich eilig. Glaub mir, Mutter, du weißt gar nichts über mich.
21.2.17 07:25


"So kehrten wir einander eine Außenseite zu, die sich stark von der inneren Wirklichkeit Unterschied. Zweifelsohne ist es immer so, wenn zwei Wesen einander gegenüberstehen, weil jedes von Ihnen über einen Teil dessen in Unkenntnis bleibt, was der andere in sich birgt, und selbst über das, was er weiß, da er es nur zum Teil versteht, und weil alle beide nach außen hin zeigen, was für sie am wenigsten charakteristisch ist, sei es, dass sie selbst das ihnen Eigentümliche nicht klar erkennen und für unwichtig halten, sei es, dass unbedeutende Vorteile, die nicht von ihnen selbst abhängen, ihnen wichtiger und schmeichelhafter scheinen und sie bei gewissen Dingen, auf die sie Wert legen, die sie aber nicht haben, aus Furcht vor Geringschätzung so tun, als legten sie gar keinen Wert darauf, so dass gerade diese das zu sein scheinen, was sie mehr als alles übrige ablehnen oder sogar widerwärtig finden. In der Liebe aber wird dieses Missverständnis auf die Spitze getrieben, weil wir - außer vielleicht, solange wir noch Kinder sind - es darauf anlegen, dass der äußere Anschein, den wir uns geben, nicht etwa unser Denken genau widerspiegelt, sondern das, was dieses Denken für das Geeignetste hält, um uns an das Ziel unserer Wünsche zu bringen [...]."Auf der Suche nach der Verlorenen ZeitMarcel Proust
18.2.17 19:57


[erste Seite] [eine Seite zurück]  [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung