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Es ist 5:40. Ich stehe unter der Dusche und weine. Das Wasser übertönt nur unvollständig das Geschrei meines Dreijährigen, der seit anderthalb Stunden wach ist und aufstehen will. Ich weiß nicht mehr, wann ich zuletzt eine Nacht durchgeschlafen habe. Einmal pro Woche komme ich immerhin auf mehr als fünf Stunden. Wenn ich fertig geduscht habe, muss ich mit ihm runtergehen, ihm sein Müsli machen, einen Kaffee kochen, den ich nicht werde austrinken können. Ich werde Brote schmieren für Kita und Schule, die Unordnung in der Küche nicht aufräumen können. Es wird ein Kampf sein, das Kind anzuziehen und ihm die Zähne zu putzen. Er wird im Auto sich das immer gleiche Lied wünschen. Ich werde beide Kinder vor der Arbeit absetzen; das Kleine in der Kita, das Große im Büro meines Mannes, bis er zur Schule gehen kann. Dann endlich darf ich arbeiten, sieben Stunden entweder die Klappe halten oder mit den Kollegen witzeln. Das darf ich mir aussuchen. Es sei denn, ich habe wieder irgendeinen mäßig interessierten und meist nur wenig talentierten Studenten an der Backe, dem ich die immer gleichen Vorträge über Beatmung und Narkoseführung halten darf. Nicht weil ihn das interessiert, sondern weil er darin geprüft werden wird. Nach der Arbeit fahre ich in die Kita und hole den Kleinen ab, der völlig aufgedreht ist, was ihn nicht davon abhalten wird, auf dem Heimweg einzuschlafen, weil er doch immer so früh aufstehen will. Alle Versuche, ihn während der Fahrt wachzuhalten, sind vergebens. Zu Hause muss ich ihn dann wecken, dann wird er weinen, mich treten und um sich schlagen. Ich werde noch nichts gegessen haben, das große Kind wird sich in sein Zimmer verziehen und Musik hören oder Kunstwerke aus Lego bauen. Mit hängenden Lidern werde ich mit dem schlecht gelaunten Kleinkind ein Brettspiel spielen. Wenn er verliert, wird er den nächsten Wutanfall haben. Er wird Fernsehen wollen und ich werde es ihm verbieten. Er wird es eine halbe Stunde lang immer wieder einfordern, am Ende nach mir schlagen. Dann werde ich ihn zur Strafe in den Flur stellen und die Türe zuhalten, worauf er nur noch wütender wird. Irgendwann dann werde ich mich durchgesetzt haben und es wird ein kurzer Frieden einkehren. Dann werde ich mich um das Essen kümmern müssen. Es soll gesund sein und nicht einfach zusammengerührt. Es muss fleischlos sein, denn das große Kind ist Vegetarier. Das kleine isst nur Nudeln, die ich ihm aber nicht jeden Abend kochen will. Nächste Diskussion, Wutanfall folgt prompt. Der Mann kommt nach Hause oder auch nicht. Eine Unterhaltung wird nicht möglich sein, weil jeder Satz von Quengeln des Kindes unterbrochen wird. Das Essen wird pünktlich auf dem Tisch stehen, ich habe rasenden Hunger. Das kleine Kind wird protestieren (ich möchte aber Nudeln essen...), wir müssen hart bleiben. Geschrei. Ich werde in kurzer Zeit eine große Menge in mich hineinstopfen, um dann mit dem Kind in seinem Zimmer eine Holzeisenbahn aufzubauen. Später werden wir eine Höhle bauen, den Globus als Lichtquelle, und drei Bücher zusammen lesen. Schlafsachen anziehen, Zähne putzen, Töpfchen, ins Bett. Dann wird es acht Uhr sein, ich werde mit meinem Mann noch eine Zigarette auf dem Balkon rauchen und mit ihm ein paar Worte wechseln. Dann werden wir uns ins Bett legen, er wird vielleicht irgendwann beim Lesen seine Hand auf meinen Bauch legen und seinen Finger in meinem Bauchnabel stecken. Ich hasse das. Dann werden wir schlafen, so gegen halb zehn. Ich bin fertig geduscht. Ich möchte nicht aussteigen. Ich darf nicht essen, wann oder was ich will, schlafen, wann und soviel ich will, die Musik hören, auf die ich Lust habe. Ich darf nicht ausruhen. Ich bin den ganzen Tag damit beschäftigt, Leuten zu sagen, was sie tun sollen und das Wort, das ich am häufigsten höre ist "Mama". Dabei habe ich auch einen Namen, den sagt nur keiner. Nicht einmal mein Mann. Wenn es mir schlecht geht, nimmt er mich nicht in den Arm. Das ist nicht seine Art. Er tut das nur, wenn jemand stirbt oder schwer krank ist. Keine Ahnung, wann das das letzte Mal war. Die einzige Freundin, die mir so nahesteht, dass ich mit ihr reden wolle, ist weit weg (in Berlin, unfreiwillig). Meine Mutter hat nur meine kleine Schwester, das Problemkind (Angststörung, Borderline) im Kopf und erwartet, das alles läuft bei mir. Mein Vater lebt in einer anderen Welt, zu der ich noch nie Zugang hatte. Und Dimitrij, ach Dimitrij. Der liebt mich nur, wenn er die Zeit dafür hat. Ich lehne mich mit der Stirn gegen die Kacheln der Dusche, das Wasser ist herrlich warm, keiner sieht mich weinen. Ich möchte ewig hierbleiben. Oder einfach ins Auto steigen und wegfahren. Jeder ist allein. Nobody loves no one.
25.2.17 08:08


Heute spiele ich das beliebte Prämed-Spiel: erkenne deinen Patienten nur am Aussehen und seinen Diagnosen. Die Regeln sind wie folgt: der Wartebereich ist gut gefüllt. Man greife sich die Akte des Patienten, der als nächstes zu sehen ist, studiere sie gründlich, gehe dann anschließend in die Wartezone und schaue dir die Patienten dort gut an: welcher ist wohl der mit dem schweren Herzfehler und den multiplen Vordiagnosen? Ok, leicht zu erkennen: der Herr dort im Rollstuhl mit den dicken Beinen und dem Urinbeutel (Lasixtherapie) auf dem Bauch. Die dialysepflichtige ältere Dame lässt sich mit etwas Übung am ungesunden Teint erkennen. Menschen zum Kniegelenksersatz sind fast immer übergewichtig. Schubladendenken in Reinform. Manchmal hilft einem der Blick auch, bevor man in die Akte gesehen hat. So fiel es mir heute morgen nicht schwer, an meiner Patientin ein Turner-Syndrom zu erkennen, bevor ich in die Akte gesehen hatte. Meine letzte Patientin heute war Frau K., eine Dame Ende sechzig. Sie stellte sich vor zur Arthroskopie der Schulter. Der Blick auf sie verriet: Perücke plus gezeichnete Augenbrauen, ergo Krebs. Flache Brust, Kompressionsschlauch am Arm: Brustkrebs linke Seite. Schlussfolgerung: keine Braunüle am betroffenen Arm. Frau K. zieht ihre Daunenjacke während des Gespräches nicht aus und kratzt sich immer wieder nervös an der linken rückseitigen Mittelhand. Sie vermeidet längere Blickkontakte und spricht in einem Dialekt, den ich abwechselnd als süddeutsch oder osteuropäisch einstufe, ohne zu einer Entscheidung zu kommen. Ihre Brillengläser sind seltsam fünfeckig und randlos, die Brille selbst sitzt irgendwie asymmetrisch in ihrem Gesicht. Sie trägt eine dicke Lage Make-up, obwohl sie nicht daherkommt wie der Typ Frau, der außerordentlichen Wert auf sein Aussehen legt, allerhöchstens auf ein besonderes Maß an Normalität im Erscheinungsbild. Nicht auffallen trotz Krebs. Es ist ein kurzes Gespräch, ich habe keine Lust mehr, schätzungsweise 15 Leuten habe ich heute schon so ziemlich Dasselbe erzählt. Am Ende fragt mich Frau K. ob sie denn noch ihren Termin bei den Onkologen wahrnehmen könne, sie könne den so schlecht verschieben, es sei noch so viel anderes zu tun. Sie stockt, kratzt ihren Handrücken und blickt auf ihren Schoß. Mir wird klar: es ist nicht nur der Krebs, der sie belastet. Ich frage vorsichtig nach, sie zieht ihre Schultern hoch und lässt sie sie wieder fallen, ein kurzer, ratloser Blick zur Seite, als wolle sie alles mit ein paar kurzen Worten wegwischen. Es gelingt ihr nicht und die folgenden zehn Minuten verbringt sie damit, mir zögernd, aber beherrscht zu erzählen, wie letzte Woche ihr Mann nach langer Krankheit verstarb, seine Beerdigung sei diesen Freitag. Ich folge ihrer Schilderung seiner Krankengeschichte, höre von Eiter in der Wirbelsäule, Intensivstation, Lungenentzündung, mehreren Operationen, Entlassung nach Hause, dann plötzlicher Zustandsverschlechterung und Tod auf Normalstation. "Und", frage ich zögernd, "woran ist er jetzt gestorben?""Das weiss ich nicht, das hat mir keiner der Ärzte gesagt."Das weiß ich nicht. Es hallt in meinem Kopf nach. Man verbringt sein Leben miteinander, einer stirbt und der andere weiß nicht warum. Nenne ich es Gleichmut, Schicksalsergebenheit, Desinteresse oder Weisheit, das einfach so hinzunehmen? Keine weiteren Erklärungen zu fordern? Ich merke, ich funktioniere da anders. Was ich nicht erklären kann, das verstehe ich auch nicht. Was ich nicht verstehe, kann ich nicht ruhen lassen. Es ist Zeit, ich muss los. Ich biete Frau K. einen Arm an, geleite sie in die Wartehalle und erkläre ihr kurz dem Weg zurück in die orthopädische Ambulanz. Zum Abschied nehme ich sie in den Arm, frage mich währenddessen noch, ob das vielleicht unangebracht sei und merke dann, wie Sie mir einen Kuss auf die rechte Wange drückt, bevor sie geht.
22.2.17 11:01


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